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Geschichte eines Volkes

Mit Alexander Puschkins Gedicht „Die Zigeuner“ eröffnete das Russisch-Deutsche Kulturzentrum „Litera“ im Innerkulturellen Zentrum der Arbeiterwohlfahrt in Geisweid eine Veranstaltung unter dem Titel „Sinti und Roma – Die Geschichte und Gegenwart eines Volkes“. In Wortbeiträgen informierten „Litera“-Vorsitzende Elena Groß und Michael Ochs die Zuhörer, dass die unter dem Begriff Zigeuner bekannten Sinti und Roma ein Volk mit eigener Sprache, Geschichte und Kultur sind.

Nur wenige Völker der Welt teilen mit ihnen das Schicksal, unter andere Nationen zerstreut und immer wieder Vorurteilen ausgesetzt zu sein. Die Sinti gelten als die älteste in Deutschland nachweisbare Romagruppe. Sie flohen vor etwa 600 bis 700 Jahren aus der südosteuropäischen Sklaverei nach Westeuropa und waren traditionell als Musiker, Geigenbauer, Schmiede, Goldschmiede, Kesselflicker und Händler tätig. Auch die Sinti bezeichnen sich oberbegrifflich als Roma. Ihr erstes Erscheinen in Deutschland wird urkundlich 1407 in Hildesheim erwähnt. Der ihnen 1423 von König Sigismund ausgestellte Schutzbrief sollte sie in Deutschland vor Übergriffen schützen. 1551 erging auf dem Reichstag zu Augsburg der Erlass, dass alle Zigeuner innerhalb von drei Monaten das Land zu verlassen hatten und vogelfrei waren. Sie zogen von Ort zu Ort und lebten zurückgezogen. Im 30-jährigen Krieg waren sie als Soldaten dann wieder willkommen.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts versuchte man, die umherziehenden Zigeuner sesshaft zu machen. Viele Roma zogen nach ihrer Befreiung aus der Leibeigenschaft 1855 aus der Moldau und 1856 aus der Walachei nach Bessarabien, Russland, Bulgarien, Serbien, Ungarn sowie West- und Mitteleuropa weiter.

Während der Nazi-Zeit wurden zahlreiche Sinti und Roma Opfer des Regimes. In Ungarn gründete sich 1958 der Bund der Roma; Spanien, Finnland, Schweden, Frankreich und Deutschland folgten nach.Die Internationale Organisation der Roma hatte ihren Gründungskongress im April 1971 in London. Das Lied „Djelem, djelem“ wurde zur Nationalhymne aller Roma erklärt und eine Flagge entworfen, die das Leben und die Vergangenheit des gesamten Volkes symbolisiert.

Heute existieren regional gebunden sowohl muslimische wie christliche Roma. Alle Roma leben ohne staatliche Organisationsform. Die Gesellschaftsstruktur der Roma-Gemeinschaft beruht auf dem Verwandtschaftssystem, bei dem die Großfamilie den wichtigsten Platz einnimmt. Traditionsgemäß legen die Roma ihren Schwerpunkt auf die Ausübung der Bereiche Handwerk, Musik und Erzählkunst.

Derzeit leben etwa elf Millionen Sinti und Roma in Europa, davon 120 000 in der Bundesrepublik. Die Veranstaltung wurde bereichert durch den Vortrag eines Zigeunermärchens und einen Lesebeitrag über den 1910 in Belgien geborenen Jean Baptiste „Django“ Reinhardt, der sich trotz einer schweren Handverletzung zu einem weltberühmten Gitarristen entwickelte und zu einer Jazzlegende wurde. Musikalisch umrahmt wurde der Abend mit Zigeunerliedern der in Zigeunertracht auftretenden russischen Gruppe Radost und Flamencoaufführungen der russischen Tanzgruppe El Shark.

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